Von Duden bis heute: Wer macht die deutschen Rechtschreibregeln?

Von Duden bis heute: Wer macht die deutschen Rechtschreibregeln?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir „dass” statt „daß” schreiben? Oder weshalb der Rollladen plötzlich drei l hat?

Die deutsche Rechtschreibung folgt klaren Regeln. Nur wer bestimmt eigentlich diese Regeln? Die Antwort führt von einem Gymnasialdirektor im 19. Jahrhundert bis zu einem Gremium, das sich heute mehrmals im Jahr trifft.

Die Anfänge: Konrad Duden systematisiert die deutsche Sprache

Bis ins 19. Jahrhundert herrschte im deutschsprachigen Raum ein ziemliches Rechtschreibchaos. Jede Region und teilweise jede einzelne Schule hatte ihre eigenen Schreibweisen. Ein und dasselbe Wort konnte in einem Dutzend Varianten durch die Gegend laufen, und keine davon war falsch, weil es kein Richtig gab.

Für Buchdrucker war das ein Albtraum. Für Lehrer auch, denn wie korrigiert man eine Klassenarbeit ohne Maßstab?

Die Wende brachte Konrad Duden im Jahr 1880 mit seinem „Vollständigen orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache”. Duden, Gymnasialdirektor in Bad Hersfeld, sammelte die verschiedenen Schreibweisen systematisch und legte einheitliche Regeln fest. Er hatte dafür weder Auftrag noch Befugnis, sondern nur eine sortierte Liste.

Genau das war der Trick. Wenn niemand weiß, wie ein Wort geschrieben wird, gewinnt derjenige, der auf jede Frage eine Antwort hat.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung: Die moderne Autorität

Heute ist der Rat für deutsche Rechtschreibung die oberste Instanz. Die 2004 gegründete Institution vereint Vertreter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Ostbelgien und Liechtenstein. Der Rat besteht aus 41 Mitgliedern: Sprachwissenschaftler, Schulpraktiker und Vertreter gesellschaftlicher Gruppen.

Kein reines Professorengremium also, und das ist Absicht. Wer Regeln macht, die täglich von Millionen Menschen angewendet werden, sollte wissen, wie diese Menschen tatsächlich schreiben.

Die Aufgaben des Rates:

  • Beobachtung der Entwicklung der deutschen Sprache
  • Weiterentwicklung der Rechtschreibregeln bei Bedarf
  • Klärung von Zweifelsfällen
  • Pflege des amtlichen Regelwerks

Wie entstehen neue Rechtschreibregeln?

Regeln ändern sich nicht willkürlich, der Prozess folgt einem festen Ablauf.

Beobachtung: Sprachwissenschaftler analysieren, wie sich der Schreibgebrauch entwickelt. Neue Wörter, veränderte Gewohnheiten, sprachliche Trends.

Diskussion: Unklare Fälle werden im Rat besprochen. Dabei fließen wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso ein wie praktische Überlegungen aus Schule und Beruf.

Beschlussfassung: Nur einstimmig oder mit großer Mehrheit gefasste Beschlüsse werden zu Regeln. Diese Hürde sorgt für Stabilität, und sie ist der Grund, warum sich seit Jahren wenig bewegt.

Umsetzung: Neue Regeln kommen ins amtliche Regelwerk und werden über offizielle Kanäle bekannt gemacht.

Die Reihenfolge verrät das Prinzip. Der Rat schreibt seltener vor, was gelten soll, als dass er festhält, was sich ohnehin durchgesetzt hat.

Die großen Rechtschreibreformen im Überblick

1901: Die erste große Vereinheitlichung

Auf der II. Orthographischen Konferenz in Berlin wurden erstmals einheitliche Regeln für das gesamte deutsche Sprachgebiet beschlossen. Ein erster Anlauf 1876 war noch gescheitert, weil die Länder die Beschlüsse nicht übernahmen. Diesmal hielten die Regeln über 90 Jahre nahezu unverändert.

1996: Die umstrittene Reform

Die Reform von 1996 brachte tiefgreifende Änderungen. „daß” wurde zu „dass”. Die ss/ß-Regelung wurde vereinfacht und gilt seither ohne Ausnahme: ß nach langem Vokal („Straße”), ss nach kurzem („Fluss”). Zusammensetzungen wurden wörtlicher, weshalb aus „Rolladen” der „Rollladen” wurde und aus „Schiffahrt” die „Schifffahrt”.

Die Reform war heftig umstritten. Es gab Volksbegehren, Zeitungen kehrten zur alten Schreibung zurück, Schriftsteller protestierten öffentlich.

2006: Die Nachbesserungen

Nach anhaltender Kritik wurden 2006 einige Regeln zurückgenommen oder abgemildert, vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Seither gibt es nur noch kleinere Anpassungen.

Bemerkenswert ist eigentlich, wie schnell sich das legt: Kaum jemand, der heute „Rollladen” schreibt, denkt noch darüber nach.

Regional unterschiedliche Entwicklungen

Einheitlich heißt nicht identisch. Während die Grundregeln überall gelten, gibt es regionale Besonderheiten:

  • In der Schweiz wird das ß gar nicht verwendet, dort schreibt man konsequent „ss”.
  • Österreich hat eigene Wörterbuchtraditionen, die teilweise andere Schreibweisen bevorzugen.
  • Südtirol orientiert sich stark an den österreichischen Gepflogenheiten.

Praktische Folge: Wenn ein Prüfprogramm „Strasse” anstreicht, hat es die Spracheinstellung auf Deutschland stehen und nicht unbedingt recht.

Die Rolle der Verlage und Wörterbücher

Auch wenn der Rat die offizielle Instanz ist, prägen Verlage die Praxis erheblich mit.

Duden-Verlag: nach wie vor der bekannteste Name. Die Redaktion arbeitet eng mit dem Rat zusammen und setzt dessen Beschlüsse in ihre Wörterbücher um. Interessant ist die Vorgeschichte: Von 1955 an galt der Duden per Beschluss der Kultusministerkonferenz in allen Zweifelsfällen als verbindlich. Ein privater Verlag war damit über vierzig Jahre lang amtliche Instanz für eine ganze Sprache. Dieses Privileg endete mit der Reform von 1996.

Andere Verlage: Wahrig, Langenscheidt und weitere haben eigene Redaktionen, die bei Zweifelsfällen durchaus unterschiedliche Empfehlungen geben.

Wenn also jemand sagt „das steht so im Duden”, heißt das: Ein Verlag hat das amtliche Regelwerk in diesem Fall so ausgelegt.

Digitalisierung und neue Medien

Anglizismen, Internetsprache und Kommunikation in sozialen Medien verändern Schreibgewohnheiten schnell. Der Rat beobachtet das und passt die Regeln bei Bedarf an, allerdings mit Bedacht.

Besonders bei Zusammensetzungen mit englischen Bestandteilen entstehen laufend neue Fälle. Schreibt man „Online-Shop” oder „Onlineshop”? „E-Mail” oder „Email”? Beim letzten Beispiel wird es sogar eindeutig, denn Email ist die Glasur auf der Badewanne.

Was bedeutet das für Ihre Textprüfung?

Diese Hintergründe sind mehr als Kulturgeschichte. Sie erklären, warum:

  • verschiedene Rechtschreibprogramme manchmal unterschiedliche Korrekturen vorschlagen
  • ältere und neuere Texte verschiedene Schreibweisen verwenden
  • bei manchen Wörtern mehrere Schreibweisen korrekt sind und ein Werkzeug, das eine davon anstreicht, streng genommen falsch liegt
  • Konsistenz im eigenen Text am Ende wichtiger ist als die Wahl der Variante

Zukunft der deutschen Rechtschreibung

Die Rechtschreibung entwickelt sich weiter, allerdings deutlich langsamer als früher. Der Rat setzt auf Kontinuität und ändert nur, was wirklich geändert werden muss.

Aktuelle Diskussionsthemen sind unter anderem der Umgang mit Gendersternchen und ähnlichen Schreibweisen (die der Rat bislang nicht ins amtliche Regelwerk aufgenommen hat), die Aufnahme neuer Fremdwörter und die Vereinfachung komplizierter Regelungen.

Fazit: Ein lebendiges System mit klaren Regeln

Die deutsche Rechtschreibung ist kein starres Gebilde und auch kein Naturgesetz. Vom Chaos des 19. Jahrhunderts über Dudens Systematisierung bis zum heutigen Rat waren es immer Menschen, die diese Regeln gemacht haben.

Nützlich sind sie trotzdem, denn ohne sie könnten wir uns schriftlich schlechter verständigen. Umso sinnvoller ist es, bei der eigenen Textarbeit auf eine gründliche Prüfung zu setzen, sei es durch eine moderne KI-Rechtschreibprüfung oder durch professionelle Korrekturdienste.

Wer das nächste Mal unsicher ist, ob „aufgrund” oder „auf Grund” richtig ist, darf sich immerhin damit trösten: Über diese Frage haben schon 41 Leute in einem Sitzungssaal diskutiert.