Fehler oder Sprachwandel? Warum sich unsere Grammatik ständig verändert

Fehler oder Sprachwandel? Warum sich unsere Grammatik ständig verändert

„Wegen dem Wetter” bleibt das Spiel aus. Ihr Deutschlehrer hätte das rot angestrichen. Der Duden sagt inzwischen: kommt darauf an. Und genau da wird es interessant.

Wir behandeln Grammatik gern wie ein Naturgesetz. Richtig ist richtig, falsch ist falsch, steht so im Regelwerk. Nur stimmt das nicht ganz. Fast jede Regel, die Sie in der Schule gelernt haben, war irgendwann einmal selbst ein „Fehler”, der sich durchgesetzt hat. Sprache steht nicht still. Sie bewegt sich die ganze Zeit, nur so langsam, dass man es im Alltag kaum merkt.

Schauen wir uns ein paar Stellen an, an denen sich das Deutsche gerade in Echtzeit verändert.

Der Genitiv, den alle totsagen

„Wegen dem Regen”, „trotz dem Verbot”, „während dem Essen”. Streng genommen verlangen diese Präpositionen den Genitiv: wegen des Regens, trotz des Verbots. Im gesprochenen Deutsch hat der Dativ aber längst übernommen, und der Duden führt die Dativ-Variante bei „wegen” mittlerweile als umgangssprachlich zulässig.

Es gibt sogar einen Bestseller dazu, „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”. Der Titel selbst ist der Witz, weil er im gleichen Atemzug zwei angebliche Fehler feiert.

Und trotzdem, kleine Überraschung: Der Genitiv stirbt gar nicht. In geschriebenen, formellen Texten ist er sogar stabil, teils häufiger als früher. Was passiert, ist eine Aufteilung. Gesprochen greifen wir zum Dativ, geschrieben bleibt der Genitiv das Zeichen für „gepflegt”. Zwei Register, die nebeneinander existieren. Kein Sterben, eher eine Arbeitsteilung.

Warum „weil” den ganzen Satz umbaut

Hören Sie mal genau hin, wenn jemand sagt: „Ich komm später, weil ich muss noch was erledigen.”

Nach dem Schulbuch müsste das Verb ans Ende: „weil ich noch etwas erledigen muss.” „Weil” leitet einen Nebensatz ein, und im Nebensatz wandert das Verb nach hinten. Im echten gesprochenen Deutsch bleibt es aber immer öfter vorne stehen, so als wäre „weil” ein normales „denn”. Sprachwissenschaftler beobachten das seit Jahrzehnten und haben sogar einen Namen dafür.

Ist das nun falsch? Im geschriebenen Text ja, noch. Gesprochen ist es so verbreitet, dass es kaum noch jemandem auffällt. Solche Verschiebungen fangen fast immer im Mündlichen an und sickern erst Jahrzehnte später ins Schriftliche. Wenn überhaupt.

Regeln, die es früher gar nicht gab

Jetzt der Teil, der die meisten überrascht. Vieles, worauf wir heute pochen, ist historisch gesehen ziemlich jung.

Nehmen Sie die Großschreibung der Substantive. Deutsch ist fast die einzige Sprache der Welt, die jedes Hauptwort großschreibt. Englisch, Französisch, Spanisch machen das nicht. Und wir auch erst seit ein paar Jahrhunderten. Im Mittelalter wurde munter kleingeschrieben, die Großschreibung setzte sich erst ab dem 16. und 17. Jahrhundert nach und nach durch. Was heute als eiserne Regel gilt, war damals eine Mode, über die man sich stritt.

Oder das „dass”. Bis 1996 schrieb man „daß” mit ß. Ein einziger Reformbeschluss, und über Nacht war die alte Schreibweise „falsch”. Wer heute „daß” schreibt, wirkt wie aus der Zeit gefallen, dabei war es jahrzehntelang das einzig Korrekte.

Ein paar weitere Beispiele, die alle einmal anders waren:

  • „Ward” war völlig normal, heute sagt niemand mehr „er ward müde”, es heißt „wurde”.
  • Das lange s (ſ), das in alten Büchern wie ein f aussieht, ist komplett verschwunden.
  • Viele Wörter, die wir zusammenschreiben, standen früher getrennt, und umgekehrt. Die Reform von 1996 hat hier ordentlich hin und her geschoben, bis 2006 nochmal nachgebessert wurde.

Kurz: Es gab nie ein goldenes, unveränderliches Deutsch. Es gab immer nur den jeweils aktuellen Stand.

Wer entscheidet, wann ein Fehler keiner mehr ist?

Das ist die eigentlich spannende Frage. Und die Antwort ist unangenehm für alle, die eine klare Autorität wollen.

Niemand setzt sich hin und erfindet die Regeln. Es läuft andersherum. Wörterbücher und Institutionen beobachten, wie geschrieben und gesprochen wird, und schreiben dann auf, was sich durchgesetzt hat. Man nennt das beschreibend statt vorschreibend. Der Duden ist kein Gesetzgeber, er ist eher ein sehr gründlicher Protokollant. Wenn genug Menschen etwas lange genug so machen, kippt es irgendwann von „Fehler” zu „auch möglich” zu „Standard”.

Das dauert. Meistens Jahrzehnte. Ein einzelner Tippfehler wird nie zur Regel, keine Sorge. Aber ein Muster, das Millionen Menschen teilen, das schon. Der Dativ nach „wegen” ist genau so ein Fall, mitten im Übergang.

Was mich daran fasziniert: Die Grenze zwischen „Fehler” und „Wandel” ist nicht scharf. Sie ist eine Grauzone, und in dieser Grauzone stecken zu jedem Zeitpunkt Dutzende Zweifelsfälle gleichzeitig.

Und was kommt als Nächstes?

Ein paar Baustellen, an denen sich gerade entscheidet, was in zwanzig Jahren normal ist:

  • Die Verlaufsform. „Ich bin am Arbeiten” galt lange als rheinischer Dialekt. Heute hört man es überall, und es füllt eine echte Lücke, denn ein sauberes Gegenstück zum englischen „I am working” hatte das Deutsche nie.
  • Neue Verben aus dem Englischen. Heißt es „gedownloadet” oder „downgeloadet”? Beide fühlen sich falsch an, und die Sprache hat sich noch nicht entschieden.
  • Das Gendern. Ob mit Sternchen, Doppelpunkt oder gar nicht, hier wird gerade offen darüber gestritten, was zur Norm wird. Ein Sprachwandel, den wir zum ersten Mal in Zeitlupe und mit voller öffentlicher Aufmerksamkeit miterleben.

Niemand weiß, was davon sich durchsetzt. Manches wird Standard, manches verschwindet wieder. So war es immer.

Also alles egal?

Nein, natürlich nicht. Und das ist kein Widerspruch.

Dass Sprache sich verändert, heißt nicht, dass zu jedem Zeitpunkt alles gilt. In jedem Moment gibt es einen anerkannten Stand, und wer den trifft, wird ernst genommen. Eine Bewerbung mit „wegen dem” wirkt eben doch nachlässig, egal wie der Duden in fünfzig Jahren urteilt. Richtig schreiben heißt: den heutigen Stand kennen, nicht den von 1901 und nicht den von übermorgen.

Genau da liegt übrigens der Grund, warum eine gute Textkorrektur mehr ist als ein starres Regelbuch. Sie muss den aktuellen, tatsächlich anerkannten Sprachgebrauch abbilden, inklusive der Fälle, in denen inzwischen zwei Varianten okay sind. Wenn Sie einen Text bei ki-textpruefung.de prüfen, geht es genau darum: das erwischen, was heute wirklich als Fehler zählt, und den Rest Ihnen überlassen.

Sprache ist lebendig. Was wir „richtig” nennen, ist immer nur ein Foto von etwas, das in Bewegung ist. Und ich finde, das macht sie eher spannender als komplizierter.